Erinnerung an Elsa Gindler

WachSein mit allen Sinnen – Erinnerung an eine Pionierin

In Dankbarkeit für ihr Wirken und für ihren Mut, ihren ganz eigenen Weg zu gehen, möchte ich hier eine große Pionierin einer „Arbeit am Menschen“ vorstellen:

Elsa Gindler (1885 – 1961)
Gymnastiklehrerin aus Berlin ist eine bedeutende Pionierin der freien Pädagogik und der Körpertherapie. Ihre „Arbeit am Menschen“, die weit über das Körperliche hinausgehen kann, hat viele bekannt gewordene Therapeut/Innen und Leher/ Innen angeregt, u.a.: 

Lore und Fritz Pearls, Charlotte Selver, Wilhelm Reich, Moshe Feldenkrais

Ich habe Elsa Gindler nie persönlich kennen gelernt und doch ist sie die Frau, deren Lebenswerk meine Arbeit mit Körper und Stimme und mein ganzes Sein nachhaltig prägt.

In der Arbeit am Menschen in der Tradition von Elsa Gindler geht es um WachSein für den eigenen Zustand, mit allen Sinnen. Dazu gehören dein Atem, dein Geist, deine Stimme, Alles was du fühlst und denkst und dein Körper.

Wenn ein Mensch, den man mit landläufigem Ausdruck unsportlich nennen muß, mit 38 Jahren lernt, auf dem Kopf zu stehen (was er früher nie für möglich gehalten hätte), so wird man annehmen, dass er eine Yoga Schulung erhalten und viel Energie eingesetzt hat. In der Arbeit von Elsa Gindler ergab sich mir das Kopfstehen beinahe von selbst.

Mit dieser Aussage leitet Dr. med R. Wilhelm einen Erinnerungstext an Elsa Gindler ein, deren Arbeit mit Menschen schwer zu beschreiben ist.

Sie gehörte zu einer Gruppe von Lehrern für Leibeserziehung (wie Loheland, Mensendieck, Kallmeyer, Hollander, Dalcroze), die mit den Methoden des sich ständig wiederholenden mechanischen Übens unzufrieden waren, wie sie damals (vor 100 Jahren ;)) in Schulen und auf Kasernenhöfen der ganzen Welt praktiziert wurden und heute noch praktiziert werden. Diese Gruppe von Lehrern ersetzte Drill durch die Arbeit an der natürlichen Bewegung; sie arbeiteten funktional, nicht mechanisch. (Cohn, 1994)

Elsa Gindler gründete keine Schule im üblichen Sinne, stattdessen war sie auf der Suche nach Erfahrungen, die zunächst im Körperlichen angesiedelt waren, dann aber weit darüber hinaus gingen.

Denn immer wenn eine Leistung durchdacht ausgeführt wird, (…) haben wir ein Bewusstsein. Ich meine damit das Bewusstsein, das immer in der Mitte steht, auf die Umwelt reagiert und denken und fühlen kann. Ich unterlasse es absichtlich, dieses Bewusstsein als Seele, Psyche, Geist, Gefühl, Unterbewusstsein, Individualität oder gar Körperseele zu definieren. (…) Man findet es nun gewiss etwas anmaßend, dem eben angedeuteten Problem mit Gymnastik nahekommen zu wollen. Gewiss, dem ist auch so! Und so sind wir immer in Verlegenheit, wenn man diese Arbeit als Gymnastik bezeichnet. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, unter Gymnastik bestimmte Übungen zu verstehen, und so ist die erste Frage an uns immer die nach den „typischen Übungen“. Da können wir nur sagen: die Gymnastik tuts freilich nicht, sondern der Geist, der mit uns bei der Sache ist. (Gindler 1926)

Es ging ihr nicht darum, Übungen ausführen zu lassen, sondern alles was getan wird, mit vollem Bewusstsein, vollem WachSein und aller zu mobilisierenden Aufmerksamkeit zu tun.
Ob es sich dabei um eine Tanzdrehung handelt, oder darum, eine Tasse Tee einzuschenken, spielt nur eine untergeordnete Rolle.
Elsa Gindler gab ihrer Arbeit keinen Namen, um jegliche Art von Erstarrung oder Fixierung daraus fern zu halten. Es ging ihr um lebendige Entwicklung und um Bewusstsein.

Es ist für mich schwer, über Gymnastik zu sprechen, weil das Ziel meiner Arbeit nicht in der Erlernung bestimmter Bewegungen liegt, sondern in der Erreichung von Konzentration. (Gindler 1926)

Ein von Gindler geprägter Begriff für ihre Körperarbeit ist „Arbeit am Menschen“. Dieser Arbeitstitel verdeutlicht erneut, dass es über den körperlichen Zugang hinaus darum geht, den ganzen Menschen anzusprechen.

Es resultierte in ihrer Entdeckung, dass Menschen umso besser funktionieren können, je mehr sie sich ihrer inneren Empfindungen bewusst sind. (Hanna 1994)

Solche Empfindungen und Erlebnisse erweckte Gindler in der stetigen Auseinandersetzung mit dem Körper.
Eine der wichtigsten Vokabeln von Elsa Gindler ist „erfahrbereit“.
„Werden Sie erfahrbereit!“ hat sie immer wieder betont und das ist es, worum es mir in meinem Leben und in meiner Arbeit auch geht.
Staunend wie ein Kind möchte ich jeden Moment erleben, neugierig bleiben auf unterschiedliche Erfahrungen und WachSein üben.

An dieser Stelle bieten sich mir Fragen an zum Thema Ausdruck – und dazu, wie wir in dieser Welt stehen:

  • Wie oft „verstellen“ wir unsere eigene innere Stimme oder verstecken unseren Ausdruck und versuchen etwas davor zu setzen?
  • Wieviel mehr Wert legen wir in unserem alltäglichen SEIN auf eine erhoffte Außenwirkung, als darauf, dass wahrzunehmen, was wirklich IST?
  • Wieviel Raum geben wir unserem Körper und unserer Stimme, natürlich zu funktionieren?

Ich möchte DICH und MICH ermutigen, in jedem Moment bereit zu sein zu staunen und wach und neu-gierig unsere Welt und unsere Möglichkeiten wahr zu nehmen und auszudrücken.

Das letzte Wort hier überlasse ich gerne Frau Gindler, aus einem Brief im September 1955:

Ja, Fragen können ist nicht so einfach […] Vor allem möchte ich Ihnen sagen, daß es doch ums Leben selbst geht und nicht um einen Weg, der irgendwo zu Ende sein soll […] Behalten Sie Spaß am Leben und seinen sich immer verändernden Aufgaben. Nur durch Auseinandersetzung wird man reifer, denn erst beim Auseinandersetzen erfährt man, was mehr so ist oder weniger so ist, wie es von der Wirklichkeit her sein will. Und, wenn die „Begeisterung“ kleiner geworden ist diesmal, so wird die Bewunderung vor dem, was die Natur zu leisten imstande ist, sicher sehr viel größer geworden sein. (Elsa Gindler)

besinnliche Grüße

Mirjam