Meine Mutprobe – Sichtbarkeit

Vor Jahren hat mich ein Coach gefragt, was meine größte Angst ist.
„Sichtbar und weithin hörbar sein“,

habe ich geantwortet und im selben Moment wurde mir bewusst,
dass das auch mein größter Wunsch ist
und eine große Gabe.

Mut bedeutet für mich:
In all meiner Verletzlichkeit und gleichzeitig in meiner vollen Kraft – zu mir zu stehen!

Lieben heißt die Angst verlieren

Die Türklinke konnte ich damals nicht erreichen.
So kurz waren meine Arme und so klein war mein Körper.
Meine Stimme war sehr kraftvoll und mein Mut, diese zu erheben und sichtbar und hörbar zu sein war so ausgeprägt, wie das bei Kindern, die um ihre Nahrung und Existenz rufen, üblich ist.
Aus voller Kehle und mit dem Wunsch, dazu zu gehören und dabei sein zu dürfen, rief ich, erzählte und meldete ich mich sichtbar und durchdringend hörbar.
Ich sollte still sein, bekam ich zu hören, „die Luft anhalten“, mich nicht bemerkbar machen.

War ich nicht bemerkenswert?

In diesem Moment schien ich nicht in meiner vollen Kraft und Größe. erwünscht zu sein.

Das durfte doch nicht wahr sein. Sie hörten mich nicht.
Nicht meinen Wunsch nach Nähe, nicht meine Sehnsucht nach einem liebevollen Blick.
Ich brüllte weiter, wurde zunächst ignoriert und schließlich wortlos vor die Türe gesetzt.

Das alte Treppenhaus roch nach Bohnerwachs.
Die hölzernen Stufen fühlten sich einigermaßen warm an unter meinen Füßen.
Ich war allein und ich sehnte mich nach Berührung und nach Zugehörigkeit.
Ich erinnere mich lebhaft an die Türklinke, die weit entfernt und unerreichbar, oberhalb von mir schwebte.
Ich erinnere mich an das tiefe Gefühl von Ohnmacht und an meine Sehnsucht nach Berührung und Kontakt.
Gefühlt waren es Stunden in denen ich rief, weinte und versuchte die Klinke zu erreichen.
Ich begann, gegen die Tür zu schlagen.

Klopfe an, so wird dir aufgetan, hörte ich ein paar Jahre später in der Kirche.

Von drinnen hörte ich die Stimmen der Anderen. Die Türe blieb zu.

Wenn ich meine Stimme erhebe, darf ich keine Haut an meiner spüren, wenn ich anklopfe gehen die Türen zu, wenn ich rufe und weine, wenden sich die Menschen, die ich am meisten liebe von mir ab.
Meine Kraft ist nicht erwünscht.

Mit diesem Gefühl schlief ich im Treppenhaus ein.
Irgendwo tief in mir war ich dennoch geborgen. Die Einsamkeit wurde in den folgenden Jahren mein Freund. Ich hörte auf, mich auszudrücken, ich schwieg.

Aus meiner Ohnmacht unterhalb der Türklinke folgte ein hundertjähriger Schlaf aus dem mich kein Prinz erlösen konnte.

Dennoch wurde meine Erlösung inspiriert durch einen kleinen Prinzen an meiner Seite.
Als ich damit begann, mich Schritt für Schritt zu erlösen und zu befreien und mich wieder zu ermächtigen war beinahe ein Vierteljahrhundert vergangen.
Neben meinem eigenen kleinen inneren Mädchen und meiner Liebe zum Singen begleitete ich einen kleinen Jungen ins Leben.

Ich war Tänzerin geworden, die oft zu schüchtern war, sich zu zeigen und in der Menge und in der Dunkelheit der Abende verschwand.

Um Zeit mit meinem Kind bemüht, um dessentwillen ich mich aus meiner Stummheit zu erlösen begann, suchte ich nach Möglichkeiten.
Ein neuer Job bot sich an: Theaterauftritte am Vormittag.
Die Herausforderung war für mich, laut und kraftvoll hörbar zu werden.

*Lieben heißt die Angst verlieren*, schrieb ich immer wieder in mein Tagebuch.
Um liebevolle Zeit mit meinem Kind zu kreieren riskierte ich Alles –
und ich habe den Bann gebrochen!

und man vernahm auf der Erde eine bebende Stimme, nie zuvor gehört, sie drang aus einer Kehle, aus der noch nie ein Laut erklungen war  (Maria Montessori)


Kennst du das?

Du stehst vor einer Menge von Menschen und öffnest deinen Mund um zu rufen oder zu singen, dann kommt nur heiseres Flüstern, weil tief in deinem Inneren eine Kraft gebunden ist, von einem uralten Gelübde.
Eingeschlossen und zur Zurückhaltung verpflichtet hat deine Kraft aufgehört, für dich zu kämpfen, weil Etwas in dir weiß, dass deine Existenz bedroht ist, wenn du diese wilde Kraft draußen lässt.
Eigentlich weiß du, dass du groß genug bist um die Türklinke zu erreichen und doch schaffst du es nur mühsam, deine ganz eigene Stimme zu erheben und den Pfad zu betreten, der seit langer Zeit darauf wartet von dir gegangen zu werden.


Ich habe lange dafür gebraucht und ich kenne einen Weg.

Bei den ersten Schritten hat mich die Liebe zu meinem Kind getragen.

Was trägt dich?

Wenn du dich auf den Weg machen möchtest, den Mut wieder zu ent-decken,
den du als Kind schon hattest, deine Wahrheit in die Welt zu tragen,
begleite ich dich gerne ein Stück auf deinem Weg.

Der Weg durch die Tür ist nicht weit.

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Foto: Voigt/2008